
Die re:publica war lange ein Ort der Hoffnung, ein Ort, an dem Digitalisierung vor allem als Versprechen verhandelt wurde: als demokratisierende Kraft, als kultureller und technologischer Fortschritt. Wer in diesem Jahr in den verschiedenen Sessions saß oder Gespräche führte, spürte davon zwar immer noch Einiges, es war aber leiser als früher. Die Grundstimmung wirkte ernster, stellenweise erschöpft und oft von dem Bewusstsein geprägt, dass sich viele der Hoffnungen der vergangenen Jahre nicht ohne Weiteres erfüllt haben.
Gleichzeitig wäre es falsch, die diesjährige re:publica als resignativ oder hoffnungslos zu beschreiben. Gerade in den konstruktiven, lösungsorientierten Diskussionen lag eine andere Form von Energie: weniger euphorisch, dafür widerständiger. Das Motto „Never gonna give you up“ bekam dadurch fast eine neue Bedeutung. Nicht als optimistische Tech-Parole, sondern als Haltung in einer Zeit, in der viele gesellschaftliche, politische und digitale Gewissheiten unter Druck geraten: Zusammenhalten, nicht aufgeben, Verantwortung übernehmen – diese Idee zog sich durch viele Gespräche und Panels.
Die zentrale Frage lautete nicht mehr, ob digitale Kommunikation grundsätzlich sinnvoll oder notwendig ist. Infrage gestellt wurde vielmehr die Infrastruktur, auf der unsere digitale Öffentlichkeit heute basiert. Genau darin lag vermutlich die eigentliche politische und gesellschaftliche Klammer der Veranstaltung.
Denn Europa befindet sich in einer massiven technologischen Abhängigkeit. Kommunikationsplattformen, Cloud-Infrastrukturen, KI-Systeme, Softwarelösungen und Datenarchitekturen stammen in vielen Bereichen fast ausschließlich aus den USA und auch China spielt eine immer größere Rolle. Lange wurde diese Abhängigkeit vor allem pragmatisch betrachtet: Die Systeme funktionierten, sie waren skalierbar, effizient und bequem. Doch genau diese Bequemlichkeit wird inzwischen zunehmend als strategisches Risiko verstanden.
Auf der re:publica war deshalb immer wieder von europäischer digitaler Souveränität die Rede – nicht als abstraktes politisches Schlagwort, sondern als konkrete infrastrukturelle Aufgabe. Es ging um Open-Source-Lösungen für die Verwaltung, um europäische Plattformen, unabhängige Rechenzentren und alternative Software-Ökosysteme. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Regulierung allein dafür nicht ausreichen wird. Wer ernsthaft Alternativen schaffen will, braucht Investitionen, politische Entschlossenheit und die Bereitschaft, eigene digitale Kapazitäten tatsächlich aufzubauen und zu nutzen.
Gerade dieser Punkt machte viele Diskussionen interessant, weil dort kein naiver Technikoptimismus dominierte. Niemand vermittelte den Eindruck, dass sich solche Veränderungen schnell oder reibungslos umsetzen lassen. Im Gegenteil: Immer wieder tauchte dieselbe Einsicht auf: Es wird unbequem werden.
Und vielleicht war genau das die eigentliche Kernthese dieser re:publica.
Digitale Souveränität bedeutet zunächst einmal Aufwand. Unternehmen müssen sich mit ihren technologischen Abhängigkeiten auseinandersetzen, statt bestehende Systeme einfach weiterlaufen zu lassen. Behörden und Organisationen müssen Prozesse verändern, neue Lösungen testen und kurzfristige Effizienz gegen langfristige Resilienz abwägen. Medien, Schulen und Eltern können Verantwortung nicht dauerhaft an Plattformen delegieren. Auch öffentliche Debatten werden nur dann konstruktiver, wenn Menschen bereit sind, sich wieder stärker auf Komplexität einzulassen, statt ausschließlich auf schnelle Polarisierung und einfache Lagerlogik zu reagieren.
Genau darin liegt die eigentliche Zumutung unserer digitalen Gegenwart: Viele der notwendigen Lösungen verlangen mehr Anstrengung als der bisherige Status quo.
Diese Debatte betrifft auch Unternehmen und Kommunikationsverantwortliche unmittelbar. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, pauschal gegen amerikanische Technologieunternehmen zu argumentieren oder bestehende Geschäftsmodelle infrage zu stellen. Viele Organisationen arbeiten erfolgreich mit globalen Plattformen und werden das weiterhin tun. Aber die Frage nach Haltung, Resilienz und strategischer Abhängigkeit wird sich künftig kaum noch ausklammern lassen.
Kommunikation bekommt dadurch eine andere Rolle. Sie muss erklären, einordnen und Orientierung schaffen. Sie muss helfen, komplexe Entwicklungen verständlich zu machen, ohne sie künstlich zu vereinfachen. Und sie muss Räume für konstruktive Debatten offenhalten – gerade in einer Zeit, in der Polarisierung oft mehr Aufmerksamkeit erzeugt als Differenzierung.
Bemerkenswert war deshalb auch, wie häufig auf der re:publica über Perspektivenvielfalt, Gesprächsfähigkeit und demokratische Debattenkultur gesprochen wurde. Nicht als moralische Floskel, sondern als praktische Voraussetzung dafür, gesellschaftliche Transformation überhaupt bewältigen zu können. Denn technologische Resilienz entsteht nicht allein durch bessere Infrastruktur. Sie entsteht auch durch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.
Vielleicht liegt darin letztlich auch die produktive Seite dieser insgesamt ernsteren re:publica. Die digitale Euphorie früherer Jahre ist kleiner geworden. Dafür wächst langsam das Bewusstsein, dass digitale Räume nicht einfach entstehen, sondern gestaltet, reguliert und verteidigt werden müssen.
Wenn Europa bereit ist, diese Anstrengung auf sich zu nehmen, könnte genau daraus wieder etwas entstehen, das lange verloren schien: eine Vorstellung von Digitalisierung, die nicht nur auf Effizienz und Marktlogik basiert, sondern auf demokratischer Gestaltung, gesellschaftlicher Verantwortung und technologischer Handlungsfähigkeit.